Wie wollen wir in Europa leben?

Die heutige Zeichnung entstand in einer Phase meines Lebens, wo ich mir selbst die Frage gestellt habe, wie ich leben möchte in einer lokalen und globalen Gemeinschaft, die vom Industriellen Zeitalter in das Digitale Zeitalter übergeht. Gramsci hat einmal gesagt, dass wenn das Alte noch nicht sterben kann und das Neue noch nicht werden kann, die Zeit der Monster sei. 1) Anders ausgedrückt: Als Menschen sind wir zwar besonders anpassungsfähig an eine sich wandelnde Umgebung. Jedoch brauchen wir eine Weile, um die Fähigkeiten zu erlernen und die Perspektive zu gewinnen, diese neue Umgebung zu verstehen. Obwohl Veränderung natürlich ist, erzeugt sie bei uns Menschen häufig Angst. Insbesondere, wenn diese Veränderungen mit einer konkreten oder abstrakten Bedrohung unserer menschlichen Sicherheit verbunden ist. Hierzu zählt die wirtschaftliche, persönliche, gesellschaftlichen, politische, ökologische und gesundheitliche Sicherheit. 2) Blicke ich jedoch auf die Realitäten in der Bundesrepublik und der Europäischen Union, so scheint es, dass sich die gesellschaftlichen Debatten und Wahlkämpfe vor allem um den Aspekt der persönlichen und gesellschaftlichen Sicherheit drehen. Damit meine ich vor allem, dass sich Menschen, die hier leben, zunehmend von denen bedroht fühlen, die neu dazu kommen oder so aussehen, als ob sie gerade neu dazu gekommen wären. Das betrifft schwarzhaarige Menschen im Allgemeinen und solche aus einem islamisch-geprägten Kulturkreis insbesondere.

 

Die Angst vor “den Anderen” und die langen Schatten der Dunklen Zeit.

Die Angst vor dem Fremden geht um und gewisse politische Kräfte versuchen direkt oder indirekt davon zu profitieren. Dabei geht es stets darum, das vermeintlich “Wir” gegen das vermeintliche “ihr” zu stärken. Auf der einen Seite, das reine, zivilisierte und jüdisch-christliche Abendland. Auf der anderen Seite, die wilden und unzivilisierten Horden aus dem Osten, die wahlweise grausam Menschen köpfen oder aus Feigheit vor dem Feind die Flucht ergriffen und Frauen und Kinder zurückgelassen haben. Die uns wahlweise die Arbeitsplätze wegnehmen oder zu faul zum arbeiten sind. Die als sexgeile “Nafris” 3) rudelweise über unsere “deutschen, blonden Frauen” 4) herfallen und gleichzeitig durch “ungesteuerte Vermehrung zur langsam Ausrottung des deutschen Volkes und der Islamisierung unseres geliebten Vaterlandes führen.”

Leider ziehen solche stark vereinfachende Erzählungen noch immer und wir sollten uns keiner Illusion hingeben, dass die Anzahl derer, die Ihre Sicherheit und “Wir”-stiftende Identität wieder in der Volksgemeinschaft und Nation sucht, steigen wird. Dies wird ausgedrückt durch Trump, Brexit und natürlich des Umstands, dass die AfD zweitstärkste Oppositions Kraft ist, jedoch den politischen Diskurs stärker prägen kann, als jede andere Partei. Sie streben das an, was der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban “illiberale Demokratie” nennt. Ähnlich wie die gegenwärtige polnische Regierung bedeutet dies, eine schrittweise Aushöhlung des liberal-demokratischen Rechtsstaats, etwa durch die Schließung von Universitäten und oppositioneller Medien oder der massive Ausbau der staatlichen Sicherheitsdienste zur Abwehr der vermeintlichen “Volksfeinde”. Wer der Rhetorik und den Forderungen der erstarkenden nationalistischen Kräfte von Parteien wie AfD, Front National, FPÖ, Schwedendemokraten, PIS, bis hin zu europaweiten Bewegungen wie der European Defence League oder Identitären Bewegung folgt, der findet viele Formulierungen und Argumentationsmuster aus dem Propaganda-Arsenal der Nationalsozialisten: Wer erinnert sich nicht an alte Klassiker wie die “Lügenpresse” oder dem Bedrohungsszenarios eines übermächtigen “innere und äußere Feind, der wie ein Krebsgeschwür die Zukunft und den Bestand der Volksgemeinschaft gefährdet und von den Volksverrätern aus den Systemparteien unterstützt wird”?

Jeder freimaurerischer Bruder und Schwester sollte sich bewusst sein, dass unserer Bund genau wie in der “Dunklen Zeit” von diesen Kräften angefeindet wird. Ich glaube, dass unsere liberalen Grundwerte von Freiheit, Gleichheit, Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit weder mit dieser, noch jedweder anderer Form, einer auf Angst basierenden und Gewaltfördernden Weltanschauung vereinbar sind.

 

Innere Werte und der Weg in eine Europäische Republik

Stattdessen will ich in einem Europa – genauer gesagt- in einer demokratisch verfassten, kosmopolitischen und föderalen Europäischen Republik 5) leben in der die Menschen aufblühen und nach ihrer Vorstellung von Glück in der Gemeinschaft streben können.

Jedoch verstehe ich Glück nicht als einen lebenslangen Rausch an Glückshormonen. Das Musivisches Pflaster lehrt uns, dass das Leben sowohl aus hellen Phasen des Glücks, der Liebe und Freude besteht. Als auch aus dunklen Phasen des Schmerzes, der Einsamkeit und der Trauer. Daher scheint aus dieser Perspektive das Versprechen, jedem Menschen zu seiner vollen Entfaltung und Verwirklichung seines eigenen Glücks zu helfen, zunächst genauso utopisch, wie der Gedanke einer Europäischen Republik. Aber aus der Geschichte habe ich zwei Dinge gelernt:
– Erstens, sind Utopien nur solange Utopien sind, bis sie Wirklichkeit werden. Das war in Zeiten der absolutistischen Herrscher und geistig-spiritueller Deutungshoheit der Kirchen im 19. Jahrhundert, eine aufgeklärte, säkulare Demokratie.

– Zweitens, dass die Frage, ob eine Utopie Wirklichkeit werden kann, von den persönlichen und gesellschaftlichen Umständen abhängt, die unsere Perspektive prägen. Meine Perspektive wurde von der freimaurerischen Symbolik und Charakter-Ethik beeinflusst und ich versuche in diesem Geiste, einen kurzen Grundriss über diese utopische Gesellschaft zu zeichnen. In Anlehnung an die antiken Philosophie der Stoa deutet die Freimaurerei an, dass ein “gutes Leben” und Glück nicht aus der Befriedung kurzlebiger Begierden folgt, sondern aus der Befolgung von Tugenden oder inneren Werten, die Ausdruck der ewigen Gesetzmäßigkeiten sind. 6) Hier zeichnet sich ein etwas nüchternes Bild von Glück ab, was für mich eher auf einen Zustand innerer Ausgeglichenheit und Gelassenheit, in Zeiten der inneren und äußeren Stürme anstrebt.

Die sieben inneren Werten der Freimaurerei, also Weisheit, Mut, Gerechtigkeit und Mäßigung, die ihre Wurzeln in der griechischen Philosophie haben und die drei christlichen Tugenden von Glaube, Liebe und Hoffnung, werden in den Unterweisungen im Lehrlingsgrad auch als “abendländische Werte” bezeichnet. 7) Sie sind mir daher ein guter Ausgangspunkt, um über gemeinsame europäische Werte und einige Leitgedanken für die persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung zu sein. Jedoch wandle ich sie in Anlehnung an den Ansatz der Positiven Psychologie nach Martin Seligman in die Werte “Weisheit, Mut, Humanität, Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz” ab. 8) Er und sein Team haben sich wissenschaftlich mit der Frage beschäftigt, was ein glückliches, gutes und bedeutungsvolles Leben ausmacht. Sie knüpfen u.a. an die Strömung der Humanistischen Psychologie an, die eine ganzheitlichere Perspektive auf das Menschsein anstrebt. Seligman verknüpft diese sechs inneren Werte (oder Tugenden, eng. “virtues”) mit Charakterstärken, die ich unterschiedlich stark aufgeprägt, auch in mir und meinem sozialen Umfeld erleben kann. Ich glaube, dass die aktive Förderung dieser Werte von Innen nach Außen einen wichtige Grundsteine, für den Tempelbau der Humanität bilden.

– Weisheit und Wissen sind mit unseren kognitiven Stärken von Kreativität, Neugier, Aufgeschlossenheit (“…von der Sklaverei der Vorurteile befreite Gedanken…”) der Liebe am Lernen und Perspektive verbunden.

– Mut (Courage) , ist mit unseren emotionalen Stärken von Integrität, Beharrlichkeit, Tapferkeit und Vitalität verbunden.

– Humanität (Menschlichkeit) , ist mit unseren interpersonalen Stärken von Liebe, Fürsorgen, Freundlichkeit und sozialer Intelligenz verbunden.

– Gerechtigkeit , ist mit unseren zivilen Stärken wie Führungsstärke, Fairness und der Wahrnehmung unserer Pflichten gegenüber der Gemeinschaft (soziale Verantwortung) verbunden.

– Mäßigung ist mit unseren ausgleichenden Stärken (“…das rechte Maß…”) von Selbstkontrolle, Vernunft, Bescheidenheit und Vergebung verbunden.

– Und schließlich ist Transzendenz mit unserer spirituellen Stärke als Menschen verbunden, die in der Wertschätzung von Schönheit, Humor, Dankbarkeit, Hoffnung Exzellenz, und spiritueller Intelligenz ausgedrückt wird.

Gemeinsam bilden sie meiner Meinung nach eine schöne Grundlage, um das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft, der wir uns verpflichtet fühlen, von Innen nach Außen zu gestalten. Ich hätte noch einige Ideen, wie wir den gesellschaftspolitischen Wandel gestalten könnten. Jedoch beschränke ich mich hier auf den freimaurerischen Grundsatz, dass jeder mit der Arbeit an seinem eigenen Stein anfangen sollte. 

 

Ein glückliches, erfülltes und mit Sinn erfülltes Leben für alle Menschen in Europa

Ich glaube zunehmend, dass die Faktoren, die ein glückliches, erfülltes und bedeutungsvolles Leben ausmachen, eben nicht so individuell sind, sondern sich auf folgende Faktoren fünf Faktoren runterbrechen lassen, die sich sowohl für die eigene Entwicklung, als auch die gesellschaftspolitische Gestaltung eignen.

– Erstens glaube ich, dass wir alle nach einem Leben streben, indem unsere körperlichen, emotionalen und geistigen Grundbedürfnisse erfüllt und unsere menschliche Sicherheit gewährleistet sind.
– Zweitens glaube ich, das Engagement, sei es etwa künstlerischer, gesellschaftliches oder familiärer Natur, wichtig für die Arbeit am Rauhen Stein und den Tempelbau der Humanität sind. Diese Tätigkeiten lassen uns lernen, wachsen und sozial entwickeln. 

– Drittens , glaube ich, dass wir Menschen soziale Tiere sind und die Pflege positiver Beziehungen wichtig für ein erfülltes Leben sind. Die gegenwärtige Individualisierung und Vereinsamung vieler, gerade älterer Menschen, kann daher durch ein humaneres Miteinander umgekehrt werden. 

– Viertens glaube ich, dass jeder Mensch seine Berufung und seinen Sinn im Leben finden kann, wenn die persönlichen und sozialen Umstände es ermöglichen.
– Und fünftens glaube ich, dass wohl jeder Mensch ein Bedürfnis nach Erfüllung und Erreichung von eigenen Zielen und Träumen hat.

Ich weiß nicht, ob ich zu meinen Lebzeiten diese Europäische Republik und menschliche Gesellschaft erleben werde. Die Freimaurerei lehrt mich jedoch, mich in Geduld zu üben und mit Gelassenheit auf die großen Herausforderungen zu blicken, die auf dem Weg zur Verwirklichung dieser Vision mit anderen Menschen erforderlich ist. Ich bin davon überzeugt, dass wir als europäische Gesellschaft aufblühen können, indem wir die geistigen, emotionalen und sozialen Stärken jedes Menschen fördern. Eine Gemeinschaft, in der wir durch menschliche Weiterentwicklung ein gemeinsames “wir”, eine kosmopolitische Identität jenseits von Religion oder Nation verwirklichen können.

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1) „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ – Antonio Gramsci

2) Anm. “Menschliche Sicherheit” bezeichnet einen erweiterten Sicherheitsbegriff, der im Gegensatz zu traditionellen Sicherheitskonzepten nicht den Schutz des Staates, sondern des Individuums und seiner Menschenwürde in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Das politische Konzept vereinigt Gesichtspunkte der Menschenrechte, der menschlichen Entwicklung, der Friedenssicherung und der Konfliktprävention. https://de.wikipedia.org/wiki/Menschliche_Sicherheit#cite_note-10 , http://www.un.org/humansecurity/sites/www.un.org.humansecurity/files/human_security_in_theory_and_practice_english.pdf UN Handbook Human Security – An Overview of the Human Security Concept and the United Nations Trust Fund for Human Security (2009).

3) “Nafri” ist eine nichtamtliche Abkürzung für “Nordafrikanische Intensivtäter”.

4) Zitat von einer PEGIDA Demo anlässlich der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/2016.

5) Ulrike Guerót: Warum Europea eine Republik werden muss (2016); Ulrich Beck & Edgar Grande: Das kosmopolitische Europa: Gesellschaft und Politik in der Zweiten Moderne (2004).

6) Unterweisungen im Lehrlingsgrad, Hrs. vom Ritualkollegium der Großloge A.F.u.A.M.v.D., 1. Auflage 2011, Seite 54 ff.

7) s.o.

8) https://de.wikipedia.org/wiki/Positive_Psychologie#Schwerpunkte , Martin Seligman: Flurish (2012).