Was ist Schweigen?

Im Duden werden zum Begriff „Schweigen“ folgende Bedeutungsübersichten gegeben:

1. nicht [mehr] reden; nicht antworten; kein Wort sagen
2. nicht [mehr] tönen, keine Klänge, Geräusche [mehr] hervorbringen 1

Einfach gesagt ist Schweigen, wenn keiner etwas sagt. Genauer betrachtet verbirgt sich hinter dem Schweigen jedoch sehr viel mehr als nur „etwas nicht zu sagen“. Schweigen ist eine Art der Kommunikation, die eine Absicht verfolgt und nicht auf Inhaltsebene (also keine Zahlen, Daten und Fakten), sondern auf Beziehungsebene erfolgt.

• Positives Schweigen:
Schweigen wird häufig mit Klugheit, Tiefgründigkeit und Weisheit assoziiert. 2 Hier mal drei positive Sprichwörter:

– „Man braucht zwei Jahre um sprechen zu lernen und fünfzig, um schweigen zu lernen.“ (Ernest Hemingway) 3
– „Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen.“ (Voltaire) 3
– „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ (Altes Testament Psalm 12,7)

In der Freimaurerei ist das Schweigen sicherlich eher etwas Gutes. Die Brüder sollen keine „Plapperer“ sein. Sie sollen keine „Halbwahrheiten“ unter sich austauschen. Wer viel redet sagt bekanntlich wenig. Wer über andere viel redet, der hat keine Zeit an- oder über sich zu Denken.

• Negatives Schweigen:
Im Gegenzug wird Schweigen auch mit Dummheit, Tod und Ungeselligkeit in Verbindung gebracht. Hier mal drei negative Redewendungen:

– „Das Schweigen ist des Narren Decke
– „Zu Tode schweigen
– „Sich Anschweigen“2

Welche Arten gibt es?
Es gibt sehr viele Arten des Schweigens. So z.B. beim Zuhören oder während der Schweigeminute, aber auch aus Angst oder aus Verletztheit. Im beruflichen muss man manchmal sogar schweigen, z.B. als Arzt mit ärztlicher Schweigepflicht, als Datenschützer oder Anwalt. 2

Welche Bedeutungen hat das Schweigen?
Schweigen bekommt speziell dann eine Bedeutung wenn ein Wortwechsel stattfindet und von einem der Gesprächsteilnehmer die Erwartungshaltung eines Widerworts vorliegt. Es gibt hier diverse Erscheinungsformen des Schweigens wie zum Beispiel die Funkstille oder vor Gericht die Aussageverweigerung.

Das Schweigen in Kombination mit körperlicher Gestik (z. B. Augenrollen oder Achselzucken) erhöht in der nonverbalen Kommunikationsform die Deutungsmöglichkeit beim Angeschwiegenen. 

Es gibt beispielsweise das bedeutungslose Schweigen wenn einfach zwischendurch während eines langen Gesprächs niemand etwas zu sagen hat. Oder es gibt das konventionelle Schweigen, wenn sich z. B. der Suchende vor der Aufnahme in der Kammer aufhält. „Folgt mir stillschweigend in den Tempel“ = Angekündigtes Schweigen oder psycholinguistisches Schweigen wenn es beim Sprechen Pausen gibt oder ein Zögern oder Verzögern bewusst herbeigeführt wird. 

Was kann das Schweigen bewirken?
Obwohl das Schweigen lautlos ist, ist es ein Bestandteil unserer Kommunikation und kann viele Gründe oder Wirkungen haben. Diese Wirkungen können sowohl positiv als auch negativ wie auch bewusst oder unbewusst sein. 2 Schweigen kann sehr polarisierend sein:

• Zustimmend oder Ablehnend
In der Unterhaltung kann das Schweigen als Zustimmung mit dem Gesagten gedeutet werden oder im Schweigemarsch ablehnender Protest bekundet werden. Interessant finde ich nebenbei, dass wir zum Beispiel bei Kugelungen unsere Zustimmung oder Ablehnung auch nicht mündlich bekannt geben sondern schweigend durch die Farbwahl unserer Kugeln.

• Heilend oder Verletzend
Wo wir vorher vielleicht besser hätten schweigen sollen, verletzen wir manchmal durch das Ausgesprochene. Die Zeit des Schweigens kann die Gemüter kühlen und möglicherweise die Wunden einer zerrütteten Beziehung heilen. Das eisige Schweigen in Form von Verachtung hingegen kann sehr verletzend sein. 2

• Isolierend oder Verbindend
Ich habe es in meiner Mutterloge erlebt, dass manche Brüder schwiegen und sich somit selber isolierten. Zugleich kann das gemeinsame Schweigen über die gemeinsam erlebte Tempelarbeit verbindend sein.

• Offenbarend oder verdeckend
Durch das Schweigen können z.B. Wissens- oder Erfahrungsdefizite offenbart werden. Jemand der nichts weiss und nichts zum Gespräch beitragen kann oder möchte, der schweigt. 2 Der Tradition nach soll der Lehrling in seiner Lehrlingszeit nicht zu Wort kommen, also schweigen. In der Schule von Aristoteles durften die Lehrlinge keine Fragen an den Meister stellen, sondern sollten nur schweigen und zuhören. Als Gesellen durften sie erst Fragen an den Meister stellen und die Lehrlinge unterrichten. Erst als Meister (es konnten nur wenige diesen Rang erhalten) durften sie mit Aristoteles diskutieren.

Das Schweigen kann allerdings auch positive innere Ruhe bewirken „man schweigt und geniesst“.

Der Zeremonienmeister sagt zum Beispiel bevor wir in den Tempel gehen „Auf Geheiss des Ehrwürdigen Meisters bitte ich Euch sich in das Anwesenheitsbuch einzutragen, sich maurerisch zu bekleiden und schweigend auf eine Lehrlingsarbeit im Tempel vorzubereiten.“ Mit dem einkehrenden Schweigen fängt die Tempelarbeit für mich bereits ab jetzt an und diese Art des Schweigens wirkt sich auf mich beruhigend aus.

Wie zentral ist Verschwiegenheit in der Freimaurerei?
Bereits in den Lehrgesprächen I finden wir hierauf eine Antwort. Es wird erläutert, dass „wem die Freimaurerei etwas bedeutet, der geht nicht unvorsichtig mit ihr um. Abgesehen davon, dass Verschwiegenheit eine Mannestugend und die Voraussetzung für die Freundschaft in einem Männerbund ist, bedeutet die Sorge um die Sicherheit der Loge auch das Einstehen dafür, dass kein Bruder schutzlos Gerüchten und Anfeindungen ausgesetzt sein darf. Freimaurerei ist eine Sache, die, um der Gemeinschaft der Brüder willen, des Schutzes vor den Uneingeweihten bedarf.“ 4

Beschädigt unser freimaurerisches Schweigen den Ruf der Freimaurerei?
Da Schweigen ein sehr mächtiges Kommunikationsmittel sein kann und einen hohen Grad an Deutungen zulässt, können neben positiven auch negative Kräfte freigesetzt werden. Schweigen birgt daher immer ein gewisses Risiko. Menschen, die unser Schweigen nicht einschätzen können und denen die Ursachen unseres Schweigens unklar sind, werden über unser Schweigen und uns Mutmassungen anstellen und unter Umständen Gerüchte über die Freimaurerei in die Welt setzen. Guckt man in den Medien, so sind diese voll von den verrücktesten Geschichten und Theorien.

Meine Meinung hierzu ist geteilt. In der Wirkung nach aussen auf die profane Welt werden uns diverse Verschwörungstheorien nachgesagt und wir werden mystifiziert. Der Preis unserer Verschwiegenheit ist wahrscheinlich, dass wir gesellschaftlich eher im dunkleren Licht stehen. Es wäre natürlich schade wenn die Allgemeinheit über die Freimaurerei eher eine anrüchige und suspekte Auffassung hat. 

In der Wirkung nach Innen hingegen finde ich unser Schweigen nach Aussen super! Es schweisst mich mehr mit den Brüdern zusammen und es erlaubt einem tatsächlich, über alles sprechen zu können, ohne die Bedenken zu haben, dass es nach Aussen dringt. Bereits als Lehrlinge bekommen wir den Hinweis, „dass Freimaurerei für den Menschen so wertvoll ist, dass über sie nicht ohne weiteres gegenüber jedermann gesprochen werden darf.“ 4

Abschliessend ein Zitat von Plutarch von Chäronea (45 – 120), griechischer Philosoph, Historiker und Konsul von Griechenland: „Zur rechten Zeit zu schweigen, ist ein Zeichen von Weisheit und oft besser als jede Rede.“ 3

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Quellen:
1 https://www.duden.de/rechtschreibung/schweigen
2 https://www.piwinger.de/aktuell/Schweigen.html
3 http://zitate.net/schweigen-zitate
4 Lehrgespräche I