Über einen Sinn

EM, WugB,

die Ausarbeitung dieser Zeichnung kam ganz spontan über mich und daher wird mir nun erst beim Schreiben bewusst, dass es nun doch beinahe die letzte Zeichnung dieses Logenjahres geworden wäre, würden wir uns nicht noch mit einigen Brüdern beim Segeln begegnen.

Wenig Gedanken habe ich mir bisher darüber gemacht, was für einen Zweck es hat, dass wir von „Zeichnung“ und nicht „inspirierenden Vortrag“ sprechen. Unsere Bauhüttentradition legt nahe, dass es sich um eine Vorarbeit für weitere Arbeiten handelt, denn die Zeichnung des Bauwerkes geht seiner Errichtung voraus. Als Vorarbeit dient auch sie der Förderung des Baus. Mit einem zwinkernden Auge, muss ich also zugestehen keine dankbare Aufgabe, wenn nach der vermeintlichen Vorarbeit wir alle in die Sommerferien verschwinden.

Ich will aber gerne einen weiteren – für dieses Jahr vorletzten – Baustein aufsetzen auf das, was wir bisher geleistet haben. Letzten Donnerstag hat uns unser Meister vom Stuhl mit dem japanischen „Ikigai“ vertraut gemacht. Ikigai heißt „das wofür es sich zu leben lohnt“ oder „Lebenswert.“ Hierzu hat Marcel uns vier Fragen zu unser Lebensführung vorgestellt – „Was du liebst“, „Was die Welt braucht“, „Wofür man Dich bezahlen kann“, „Worin du gut bist“ – deren Beantwortung uns zu vier Schnittmengen führten. Die Schnittmengen sollten uns nun Aufschluss bieten sollten über die eigene persönliche Passion, Mission, Berufung und den Beruf. Wer in seiner Lebensführung diese vier Felder bedient, der kann Ikigaierlangen. Wer Ikigai erlangt, für den bedeutet es Lebenswert, bewirkt es Lebensfreude und damit innere Zufriedenheit.

In unserem brüderlichen Gespräch wurde dennoch alsbald die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Doch ist die Sinnsuche nicht beendet, wenn ich ein lebenswertes Leben, das es wert ist gelebt zu werden, erreicht habe?

Für Albert Camus war diese Frage Ausgangspunkt für seinen verlängerten Essay „Der Mythos des Sisyphos“ und steht gleich am Anfang des Werkes, ich zitiere:

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat – kommt später. Das sind Spielereien; erst muss man antworten.“

Während sich im Ikigai eine praktische Lebenshaltung entfaltet, rüttelt Camus an den Festen der Letztbegründbarkeiteiner jeden Philosophie, indem sie den Fragenden auf sich selbst zurückwirft. Der Vorteil einer praktischen Philosophie ist, dass sich aus ihr konkrete Handlungsanweisungen ergebenkönnen, solange die hinter ihr stehenden Begründungen als wahr unterstellt werden. Eine in der Menschheit weitverbreitete Vorstellung ist, dass sich aus der Existenz eines Schöpfers konkrete Handlungsanweisungen für ihr Leben logisch ableiten lassen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass dem Begriff des Schöpfers über die bloße Schöpfung hinaus weitere Eigenschaften zugeschrieben werden.

Wer jedoch ein bloß lebenswertes Leben anstrebt, der kann auf solche Diskussionen verzichten. Sobald wir uns auf eine solche Sinnsuche begeben, strampeln wir uns ab, auf der Suche nach irgendwas, in einer Welt, in der es nichts zu finden gibt. Unser persönliches Dasein in der Welt spielt sich lokal ab, nicht in höheren Sphären, wird nicht bestimmt durch eine transzendente, ewige Seele, sondern endet mit dem Tod.

Hierin begründet ist unsere persönliche Freiheit. Der Tod setzt dem Gebrauch der Freiheit eine zeitliche Grenze. Angenommen ausgedehnte Reisen in ferne Länder machen mein Leben lebenswert. Ferne Länder gibt es viele, also muss ich mich schon heute einschränken. Wenn ich noch 30 Jahre zu leben habe und einmal pro Jahr in den Urlaub fahre, welche 30 Länder möchte ich besuchen und warum?

Ein solches Denken führt nicht in einen bloßen materialistischen Hedonismus. Wenn ich mich als Globetrotter verstehe, dann muss ich auch heute etwas dafür tun, dass ich in 30 Jahren noch Reisen kann. Dies bedeutet weiteren Verzicht zu üben und eine Abwägung zu treffen, eventuell gegen kurzfristiges erreichbares Glück. Das Reisen ist hier nur ein vereinfachtes praktisches Beispiel. Durch die Dinge die wir tun und die wir nicht tun, schreiben wir unsere persönliche Geschichte, in der wir nicht Sinn-nehmer sind, sondern Sinn-geber.

Dies scheint uns wieder zum Anfang zurückzuführen denn an dieser Stelle meiner Zeichnung scheint es doch beliebig, welchen Sinn man für sein Leben erwählt. „In 30 Jahren reisen wollen“ fragt vielleicht einer, das ist doch zunächst nur ein Ziel, „warum will er reisen, müssen wir fragen!“ Ich denke dieses Fragen führen uns letztlich zur menschlichen Natur und in dieser haben wir viel gemeinsam.

Als Menschen teilen wir alle bestimmte Eigenschaften, hierzu gehört ein in einem Körper verwurzeltes Bewusstsein, ebenso wie die sozialen Bindungen, in denen wir leben. Beides formt uns. Vielleicht lässt sich daher die persönliche Sinnerfüllung verallgemeinern. Unter der Annahme, dass der Mensch ein nach Sinnverwirklichung strebendes Wesen ist, behauptet die von Viktor Frankel ins Leben gerufene Logotherapie, der Sinn ließe sich auf dreifache Weise erfüllen: (1) Schöpferisch, indem wir ein Werk schaffen, indem wir eine Tat setzen, (2)Erlebend, indem wir die Schönheit der Natur, die Güte eines Menschen erleben, oder einen Menschen lebend ihn in seinem innersten Wesen erleben, (3) Wo es notwendig ist, wo die Ursache einer Leidenssituation auf keinen Fall mehr sich beseitigen lässt, kommt es darauf an, mit welcher Haltung, mit welcher Einstellung wir dieses Leiden auf uns nehmen, etwa mit Tapferkeit und Würde.

Lebenswert muss also konkret anhand der vorliegenden Umstände bestimmt werden. Ob ich nun meinen Sinn in der Revolte gegen die Umstände finde, oder indem ich sie gegen Einflüsse von außen abzusichern trachte. Ich für meinen Teil, finde viel Gefallen daran an der körperlichen Verwurzelungen des Menschen zu forschen. Unser Körper limitiert unser Handeln, ist aber in dieser limitierenden Verfassung ist er gleichzeitig unabdingbare Voraussetzung unseres menschlichen Seins. Hierzu Merleau-Ponty schreibt in Phänomenologie der Wahrnehmung:

Ich bin eine psychologische und historische Struktur. Zusammen mit der Existenz, erhielt ich einen Weg zu Existieren, oder auch einen Stil. Alle meine Handlungen und Gedanken beziehen sich auf diese Struktur, und sogar der Gedanke eines Philosophen ist kaum mehr als ein Ausdruck seiner Haltung zur Welt, was alles ist, das er ist. Und dennoch, Ich bin frei, nicht trotz oder wegen diesen Motivationen, sondern vielmehr durch sie. Denn das sinnerfülltes Leben, diese einzige Bedeutungszusammenhang von Natur und Geschichte, den ich bilde, beschränkt nicht meinen Zugang zur Welt; es ist vielmehr meine Art mit der Welt zu kommunizieren.

In all unserem Handeln offenbart sich unser Lebenssinn. Doch dieser Lebenssinn ist uns nicht mit der Geburt mitgegeben worden, sondern gleichwohl in unserer Entwicklung geformt worden. Wir tun manchmal so, als würde sich die Sinnfrage einem abgeschnitten, isolierten, einzelnen Erwachsenselbst stellen, fern von Körper und Welt und nachdem der Sinn in diesen hohen Sphären gefunden wurde, muss alles wieder erneut zusammengesetzt werden. Dabei ist dieses denkende Selbst, immer auch in einem Zusammenhang mit der Welt vorhanden und kann nicht von ihr getrennt gedacht werden.

Dein Körper, mein Körper, wir sind hier vorhanden, jetzt an diesem Ort und nicht woanders. Unser „hier-und-nicht-woanders-sein“ ist Teil unserer persönlichen Geschichte. Hier gemeinsam seiend, schaffen wir für den jetzigen Moment einen Sinn, der aber für jeden individuell anders sein kann.

Trotzdem schaffen wir hier eine gemeinsame Erfahrung…

… und vielleicht ist das sinnvoll

… und vielleicht ist das sinnlos…

vielleicht ist das ein gutes Ende für dieses Maurerjahr…

… und vielleicht ist das ein guter Anfang?

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