Noch populäre Menschenbilder?

Die Frage nach der menschlichen Natur ist keine rein philosophische, sondern auch eine sehr praktische. Hat der Mensch von Natur aus einen freien Willen, oder sind wir zu jeglichem Handeln determiniert? Sind wir von Natur aus „gut“ oder „böse“? Kommt es überhaupt auf die Natur an, oder ist der Mensch lernfähig und für die Entwicklung seines Wesens kommt es allein auf die Umweltumstände an? All diese Fragen sind grundlegend für moralische, politische, ökonomische, kulturelle, pädagogische und viele andere Entscheidungen. Bisher ist es jedoch keinem gelungen vollständig zu beschreiben, „was der Mensch ist“, obwohl jeder Mensch davon eine Vorstellung zu haben scheint.

Vor der Entwicklung der modernen Wissenschaft, konnten diese Vorstellungen mithin nur auf Annahmen beruhen. Wurden diese Annahmen von vielen Menschen geteilt, bildeten und verbreiteten sie sich in Form von umfassenden Menschenbildern. Diese bilden nicht nur die Grundlage menschlichen Handelns, sondern wir leiten aus ihnenErwartungen über das Verhalten menschlicher Individuen, sowie der Gesellschaft als Ganzes her.

Mit Vordringen der kognitiven Wissenschaften wurden und werden diese Menschenbilder widerlegt oder zumindest in Frage gestellt. Insbesondere Computertomographie, große statistische Erhebungen, EKGs und Experimente erlauben  nun menschliches Verhalten wissenschaftlich zu beschreiben und teilweise zu erklären. Ein in allen Situationen und für jedes Individuum gültige Menschenbild konnte bis heute nicht geliefert werden. Vielleicht ist dies auch gar nicht möglich und darüber hinaus gar nicht notwendig, würde man doch verkennen, dass jedes Menschenbild bloß ein Modell der Wirklichkeit sein kann.

Auf der Suche nach der Wahrheit sollte jedoch mit falschen Vorstellungen aufgeräumt werden. Ich glaube dieses Ziel verfolgte der Psychologe Steven Pinker in seinem Buch „The Blank Slate – The Modern Denial of Human Nature“(deutsch: Das unbeschriebene Blatt). Ich will an dieser Stelle nicht zu viel zu seiner Person sagen, außer das er Psychologe ist und auch in diesem Bereich in den USA lehrt.

Nicht bloß aus erkenntnistheoretischem Interesse, sondern auch weil sie zu großen gesellschaftlichen Konflikten führen können. Es kann nur im Interesse einer „besseren Gesellschaft“ sein Politik nicht mit falschen Vorstellungen zu rechtfertigen. Die Implikationen, die sich aus den unterschiedlichen Menschenbildern ergeben, können mithin diskriminierend sein. Es wird sich auch noch herausstellen, dass die Wissenschaft vor Trugschlüssen nicht gefeit ist. Dazu später mehr.

Das unbeschrieben Blatt, Der Geist aus der Maschine und der Edle Wilde

An dieser Stelle will ich die drei Menschenbilder, die Pinker zu Grunde legt, vorstellen. Hierbei werde ich versuchen vor allem das erste Kapitel seines Buches in Kürze wiederzugeben.

Das unbeschriebene Blatt/ The blank Slate/ Tabula Rasa

Die Idee vom unbeschriebenen Blatt geht zurück auf John Locke, der zwar nicht selbst auf den Begriff kam, aber die Ideen hier zu lieferte, aber hört selbst:

„Let us then suppose the mind to be, as we say, white paper void of all characters, without any ideas. How comes it to be furnished? Whence comes it by that vast store which the busy and boundless fancy of man has painted on it with an almost endless variety? Whence has it all the materials of reason and knowledge? To this I answer, in one word, from EXPERIENCE.“

Das hier von Locke vorgestellte Menschenbild steht imWiderspruch zu den Lehren, die davon ausgehen, dass bestimmte Eigenschaften angeboren sein. Zu seiner Zeit waren dies vor allem Mathematische Ideale, ewige Wahrheiten und ein Gottesbild („a notion of God“). Der Empirismus, den er aus diesem Menschenbild herleitet, diente fortwährend als Grundlage des Liberalismus und seiner politischen Philosophie.

Ganz klar, stellte diese Sichtweise ein Problem für die Kirche und die herrschenden Eliten dar, denn nun konnten sie sich nicht mehr auf angeborene Eigenschaften berufen. Wenn sich der Verstand allein durch Erfahrung füllt, dann sind Meinungsverschiedenheiten nicht damit beizulegen, dass sich die eine Partei auf „höheres angeborenes Wissen“ berufen kann. Im Gegenteil sind beide Meinungen zu tolerieren, da sie sich allein in den unterschiedlichen Erfahrungen begründen, die die Menschen bis zu diesem Zeitpunkt gemacht haben.

Das „unbeschriebene Blatt“ ist heute vor allem noch in den Sozialwissenschaften populär. Insofern sich die Vertreter zu Radikalität hinreißen lassen werden Emotionen, Verwandtschaft, Geschlechter, Krankheiten, die Natur, die Welt als „erfundene“ oder „sozial konstruierte“ Konzepte gebrandmarkt. Unterschiede in Rasse, Ethnie, Geschlecht und Individuen sind nicht angeboren, sondern Folge von Erfahrung.

Die Implikation ist hier: Wenn man die Erfahrungen der Menschen ändern kann, kann man den Menschen ändern.

Der Edle Wilde/ The noble Savage

Die Doktrin vom „edlen Wilden“ geht zurück auf unseren Bruder Jean-Jacques Rousseau. Hierbei befindet er sich vor allem in Gegenposition zu Hobbes. Laut Hobbes führt die Ressourcenknappheit dazu, dass wir uns in einem Kampf aller gegen alle befinden. Deswegen seien wir Menschen von Natur aus gierig und kriegslustig („böse“). Nur durch Errichtung eines Staates lässt sich dieser Zustand überwinden. Nach Rousseau führt grade der Staat dazu, dass die Menschen „schlecht“ werden. Inspiriert wurde er dabei von den Entdeckungen der Naturvölker, die seiner Auffassung nach als friedfertige Völker anzutreffen waren. Indem sie alles teilen, sei überhaupt kein Grund dazu vorhanden gierig oder geizig mit so etwas wie „Eigentum“ umzugehen. Nachfolgend seine Worte im Original:

So many authors have hastily concluded that man is naturally cruel, and requires a regular system of police to be reclaimed; whereas nothing can be more gentle than him in his primitive state, when placed by nature at an equal distance from the stupidity of brutes and the pernicious good sense of civilized man….
The more we reflect on this state, the more convinced we shall be that it was the least subject of any to revolutions, the best for man, and that nothing could have drawn him out of it but some fatal accident, which, for the public good, should never have happened. The example of the savages, most of whom have been found in this condition, seems to confirm that mankind was formed ever to remain in it, that this condition is the real youth of the world, and that all ulterior improvements have been so many steps, in appearance towards the perfection of individuals, but in fact towards the decrepitness of the species.“ – Rousseau.

Wenn die Gesellschaft den Menschen schlecht macht, ist der Mensch von Natur aus „gut“? Das wäre zumindest eine Implikation. Diese Doktrin kann Kritik an Authoritäten, an Erziehung und die Auffassung rechtfertigen, dass jedes menschliche Versagen „repariert“ werden könne. Ein ständiger Wandel der Gesellschaft würde hieraus folgen, bis diese den „guten Menschen hervorbringt.“ An dieser Stelle wird schon die Nähe zum unbeschriebenen Blatt deutlich. Deswegen will ich noch einmal den Unterschied plakativ hervorheben: Beim unbeschriebenen Blatt ist der Mensch vom Natur aus weder „gut“ noch „böse“, sondern „leer.“ Beim edlen Wilden ist der Mensch von Natur aus gut und erst die Gesellschaft macht ihn Böse. Seine Natur lässt sich also nicht verleugnen.

Was aber ist, wenn unsere Institutionen einfach deswegen versagen, weil dem Menschen unabänderliche Verhaltensneigungen innewohnen, die sich nicht so einfach steuern lassen?  

Der Geist aus der Maschine/ The Ghost in the Machine

Die dritte Doktrin, die hier vorgestellt werden soll ist geläufiger bekannt als der „Leib-Seele-Dualismus“ und dürfte auf René Descartes zurückgehen.

 

There is a great difference between mind and body, inasmuch as body is by nature always divisible, and the mind is entirely indivisible…. When I consider the mind, that is to say, myself inasmuch as I am only a thinking being, I cannot distinguish in myself any parts, but apprehend myself to be clearly one and entire; and though the whole mind seems to be united to the whole body, yet if a foot, or an arm, or some other part, is separated from the body, I am aware that nothing has been taken from my mind. And the faculties of willing, feeling, conceiving, etc. cannot be properly speaking said to be its parts, for it is one and the same mind which employs itself in willing and in feeling and understanding. But it is quite otherwise with corporeal or extended objects, for there is not one of them imaginable by me which my mind cannot easily divide into parts…. This would be sufficient to teach me that the mind or soul of man is entirely different from the body, if I had not already been apprised of it on other grounds. – Descartes

 

Die Grundlegende Idee ist, dass Geist und Materie zwei unterschiedliche Substanzen sind. Der Streit um den es dann daran anknüpfend geht ist die Frage nach dem freien Willen und wie überhaupt Bewusstsein entsteht. Während die Materie mechanischen Gesetzen gehorcht, gilt dies nicht für den Geist. Verhalten folgt nicht mechanischen Prinzipien, sondern wird von den einzelnen Individuen gewählt. Wir könnten auch bloß Geist sein und unsere Wahrnehmung ist bloß das Schauspiel eines allmächtigen Betrügers. Eine Befürchtung von Dualisten wie Descartes ist, dass alles menschliche Handeln determiniert ist.

Warum ist eine Kritik der Menschenbilder erforderlich?

Die Menschenbilder sind zwar logisch voneinander unabhängig, Verknüpfungen sind jedoch auch anzutreffen.

Wenn ich von den Folgen des „unbeschriebenen Blattes“ lese, dann kann ich prima facie vielen Aussagen zu stimmen.  Noch einmal zur Wiederholung: Menschen werden gleich geboren und Unterschiede in Rasse, Geschlecht etc. sind lediglich konstruiert. Es ist schon fast so, als würde ich es glauben wollen. Das Problem dabei ist, dass dieses Menschenbild auch Gefahren birgt.

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Waren es nicht Leute wie Karl Marx, Wladimir Lenin, Adolf Hitler, Mao Zhedong und Pol Pot, die ihre Politischen Ideologien, damit rechtfertigten, man müsse die Menschen nur richtig erziehen?

„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren. Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ – Marx

„It is on a blank page that the most beautiful poems are written.“- Mao

Ich glaube dieser Punkt dürfte schon genügend Anstoß zur Diskussion liefern. Ich muss zugeben, dass ich noch nicht wirklich die Unzulänglichkeit der Menschenbilder darstellen konnte, bitte an dieser Stelle, aber wegen der Kürze der Zeit um Nachsicht. Eine Darstellung dessen, würde ich dann ein anderes Mal liefern. Trotzdem hoffe ich euch das Thema und vielleicht das Buch ein wenig schmackhaft gemacht zu haben. Vielleicht hört der ein oder andere ja beim nächsten Mal etwas genauer hin, wenn ihm jemand über den Weg läuft, der seine Meinung leichtfertig mit einem dieser Menschenbilder rechtfertigt.

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