Brauchen wir heute noch Vorbilder?

Der Versuch einer Auseinandersetzung mit der von unserem Br. Redner gestellten Frage, „brauchen wir heute noch Vorbilder“ allerdings ohne besondere Berücksichtigung des Jahresthemas „Woran soll ich erkennen dass Du es bist“, oder vielleicht doch, aber garantiert Wikipedia frei.

Eine Frage auf die ich hier keine abschließende Antwort finden werde und nur einige Gedanken formulieren kann, die naturgemäß im Kontext der Dinge stehen, die mich aktuell beschäftigen. Grundsätzlich könnte ich mir die Antworten im Bereich der Soziologie oder wahrscheinlicher noch im Bereich der Evolutionswissenschaften vorstellen, denn unsere Gehirne und die darin angelegten Programme sind das was Sie sind, weil Sie sich den jeweiligen Umgebungen angepasst haben oder in den Sozialgemeinschaften bewährt haben. Ich denke aber auch, da sich offensichtlich viele Menschen an Vorbildern orientieren, könnte es wahrscheinlich sinnvoll oder notwendig, oder zumindest in unserer Entwicklungsgeschichte notwendig gewesen sein, einem Vorbild zu folgen.

Wir alle hatten Vorbilder in unserer Kindheit, in dieser Lebensphase ist das Vorbild unbedingt notwendig und Eltern sind sich Ihrer Verantwortung für diese Vorbildfunktion in der Regel bewusst und gehen damit intuitiv verantwortungsvoll um. Dieses Rollenspiel findet in der Pubertät ein Ende und der junge Mensch sucht sich andere Vorbilder, vollzieht also einen Kurswechsel und aus den allwissenden und den alles könnenden Eltern, werden innerhalb kürzester Zeit, uncoole und zuweilen peinliche ältere Herrschaften. Manche von euch werden diese Erfahrung gemacht haben. In dieser Entwicklungsphase gibt es zwischenzeitlich aber noch die Idole, die nicht selten einen Heldennimbus im Gepäck haben.

Das sind aber heute überwiegend Menschen des öffentlichen Lebens mit einer ausgeprägten Medienpräsenz. Diese Vorzeigepersönlichkeiten laufen allerdings ständig Gefahr durch andersdenkende Gegner oder durch Menschen denen das Demaskieren von Volkshelden zum Hobby geworden ist, zu Fall gebracht zu werden. Ein kleiner bemerkter Fehltritt kann reichen, Journalisten, Blogger und Fotografen zum Sturz eines Idols zu versammeln. Das Vorbild von gestern kann über Nacht erledigt sein.

Aber auf der anderen Seite haben lernfähige Menschen schnell begriffen, die Sehnsucht nach Vorbildern auszunutzen. Effektiver noch als früher, bedingt durch die zahlreichen digitalen Möglichkeiten, können geschickte Netze gesponnen und Vorbilder inszeniert werden. Die Gefahr besteht, dass ein gewähltes Vorbild nur eine Marketingkonstruktion ist. Vielleicht um ökonomische Interessen, oder religiöse Ziele zu verfolgen, politische Beeinflussung zu erwirken, oder um einfach nur Macht auszuüben.

Vorbilder der Erwachsenenwelt entstehen im Kontext einer gesellschaftlichen Ordnung, und deren Bedeutung hat etwas mit dem jeweiligen Zeitgeist zu tun. Im Osten Deutschlands gab es noch die Helden der Arbeit, die bei Übererfüllung der Normvorgaben als Vorbilder inszeniert wurden, etwas das uns heute eher irritieren würde. Es ist auch noch nicht lange her, dass in unserem Kulturkreis sogenannte Kriegshelden Vorbild für eine ganze Generation waren, heute aber sich zum Vorbild geeignete Menschen eher durch Gewaltlosigkeit auszeichnen. Mit heutigen Maßstäben gemessen waren die einstigen Helden die wenigen Widerstandskämpfer, die Trümmerfrauen und die Krankenschwestern des letzten Krieges.

Maßstab könnte heute in unserem Kulturkreis neben der Gewaltlosigkeit, besondere Taten, eigener Verzicht und persönliches Risiko zu Gunsten anderer sein. Vorbilder sagen also auch immer etwas über eine Gesellschaft aus.

„Wo das Heldentum nicht in der Bewahrung friedvoller, sondern in der Zerstörung bedrückender Verhältnisse besteht, dort zählen andere Vorbilder. Der IS zum Beispiel bietet eine Art Vorbild und Heldentum an, das auch für den Ungebildeten aber religiösen, und den scheinbar Chancenlosen durchaus erreichbar ist. Zerstörung als vergleichsweise einfache und doch herausragende Tat, kann sogar Terror verlockend erscheinen lassen. (aus der Zeit 05.01.2017)

Einer Gefahr, resultierend aus technischen Möglichkeiten, sollte sich eine offene demokratische Gesellschaft stets bewusst sein, wenn es stimmt das wir Vorbilder brauchen, werden sie auch gesucht. Damit besteht aber gerade am Beginn dieses digitalen Zeitalters die Gefahr des Missbrauch, auch weil wir gesellschaftlich noch wenig Erfahrungen und ungenügende gesetzliche Regelungen für sozialen Medien haben. Erst nach jahrelangen Hassparolen bei Facebook & Co haben wir angefangen uns dessen bewusst zu werden. Die für uns überraschenden gesellschaftlichen Ereignisse der vergangenen Monate zeigen das.

Dort wo Mechanismen, Routinen oder Erfahrungen nicht mehr funktionieren, also die Welt unübersichtlich ist, suchen Menschen nach Vorbildern. Auch der Epochen wechsel, also die Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft und zur Globalisierung bringt viele Menschen aus dem selbstbewussten Gleichgewicht. Und dann beginnt die Orientierungsarbeit. So stoßen wir auf Menschen, von denen wir glauben ein klares Bild zu haben, wobei das aus meiner Erfahrung nur mit einem hinreichendem Abstand aufrechterhalten werden kann. Aber wie könnte man echte Vorbilder erkennen oder identifizieren. Vorbilder funktionieren in der Regel nur zeitlich begrenzt, kaum jemand kann seinen Vorbildcharakter lebenslang aufrechterhalten, außer vielleicht Helmut Schmidt,( aber der war auch Soldat und auch Kettenraucher). Am einfachsten lassen sich bereits verstorbene Menschen bewundern, denn hier kann man am ehesten annehmen, dass das Bild das wir haben nicht wieder zerstört wird. Jemand der ein Vorbild hat, möchte in der Regel zu jemanden herauf blicken , kann es aber oft im Umkehrschluss nicht ertragen, wenn auf Ihn herabgeblickt werden würde. Dadurch, dass wir uns mit unserem Verhalten an anderen orientieren, legen wir scheinbar zumindest einen Teil unserer eigenen Verantwortung für unsere Handlungen und Entscheidungen ab.

Eliten oder Personen des öffentlichen Lebens, sind prädestiniert für die Vorbildrolle. Aber gerade in der Medienwelt, können Vorbilder künstlich erschaffene Marketingkonstruktionen sein, von denen sich unkritische oft junge Menschen verleiten lassen. Anders verhält es sich natürlich, wenn Vertrauen ein Band zwischen dem Vorbild und einem anderen Menschen knüpft, dafür bedarf es aber immer einer persönlichen und individuellen Beziehung, die sich hier naturgemäß nicht verallgemeinernd beschreiben lässt.

Der Journalist Anant Argawala sucht in einem Artikel in der Zeit (05.01.2017) vergeblich nach einer sogenannten Helden-Formel, diese gibt es aber offensichtlich nicht. Er untersucht die Frage, ob es einem Zusammenhang zwischen einer Vorbildfunktionsrolle und typischen Charaktereigenschaften gibt. Eine Gemeinsamkeit derjenigen die oft Vorbildrollen einnehmen, scheint es aber doch zu geben, dies sind häufig sich wiedersetzende Menschen, die sich über stärkere antiautoritäre Überzeugungen als der Durchschnitt beschreiben lassen und auch über mehr Empathie als der Durchschnitt verfügen.

Im Ritual wird die Frage “ Wie sollen Freimaurer einander begegnen “ gestellt. Der erste Aufseher antwortet : „Auf gleicher Ebene auf der Winkelwaage.“ Dies kann man als kritische Antwort auf die eingangs gestellte Frage verstehen, wenn man die Beziehung zum Vorbild als eher vertikal beurteilen will.

Diese bislang formulierten Gedanken, sind eher kritisch, weil Aspekte der Vorbildfunktion wie Angst vor Personenkult, leichte Manipulierbarkeit und die Entledigung der eigenen Verantwortung für das eigene Handeln, nach meiner Ansicht, Gefahren bergen. Ich könnte mir vorstellen das gebildete selbstbewusste Menschen niemanden brauchen der Sie leitet.

Vorsicht ist geboten wenn wir die Leben anderer Menschen zu kopieren versuchen, wir leben dann möglicherweise nicht nur im falschen Leben und im falschen Job, sondern sind vielleicht auch unglücklich.

Wenn schon Vorbilder, dann sollten und dürfen Sie uns nur solange begleiten, bis wir auf dem eigenen Weg sind, und uns trauen selbstständig und kritisch zu denken und zu handeln.

Hier zeigt sich die mögliche Verbindung zur königlichen Kunst oder besser noch zur Aufklärung, die für mich ja irgendwie zusammengehören. Das selbstbestimmte Denken und Handeln könnte eine Alternative zum Folgen von Vorbildern sein, und bei diesen Stichworten schaut man ja gerne mal bei Kant rein.

Sich im Denken orientieren
Die zum Leitgedanken der Aufklärung erhobene Aufforderung „wage zu denken“ ist heute so aktuell wie damals. Das Instrument der Aufklärung war die Kritik. Das heißt die Bereitschaft alles vor den Richterstuhl der Vernunft zu rufen, unabhängig davon was anderer Menschen sagen tun oder denken. Nun ist es für mich schwierig, die Hauptwerke des großen Königsberges zu lesen, habe aber vor einigen Jahren ein Büchlein mit überschaubaren Aufsätzen gekauft. Aus dem Beitrag „Orientierung im Denken“ vom Oktober 1786 versuche ich zu verstehen, wie die alten Aufklärer sich das mit der selbstbestimmten Entscheidung dachten, auch wenn es hierin eigentlich nicht namentlich um Vorbilder geht, aber um die Idee der eigenen Entscheidung.

(Zitat) „Auch wenn wir unsere Begriffe hoch anlegen und von der Sinnlichkeit abstrahieren so hängen ihnen doch immer wieder bildliche Vorstellungen an“ (Zitat).

So könnte es vernünftiger sein, anstelle von Vorbildern Idealen zu folgen. Aber es scheint einfacher einem Ideal ein Gesicht zu geben, als abstrakt zu theoretisieren, das in Wahlkampfzeiten komplizierte und komplexe gesellschaftliche Themen auf Plakate mit einzelnen Menschengesichtern reduziert werden können , ist beispielhaft hierfür.

Sich orientieren heißt hier bei Kant, nach dem Beispiel der geografischen Navigation an Hand von zwei Punkten zunächst den eigenen Standpunkt zu definieren, um nach dem Sonnenstand die Himmelsrichtungen zu bestimmen.

Hierzu bedarf es des Gefühls eines Unterschiedes zwischen der rechten und linken Hand. Ein Gefühl weil die beiden Seiten äußerlich einen kaum wahrnehmbaren Unterschied machen, aber mit den Händen einen Zirkel zu beschreiben und damit die Verschiedenheit der Lage der Gegenstände zu beschreiben ermöglicht Orientierung, die Segler und Seefahrer unter euch kennen das Prinzip mit den zwei Peilungen, und der Navigation mit dem Dreieck.

Die nächste Begriffserweiterung besteht darin, sich nicht bloß im Raum, also sich quasi mathematisch zu orientieren, sondern überhaupt im Denken, also logisch vorzugehen. Dies soll ein Geschäft der reinen Vernunft sein. Wenn sich das Denken und die Fragen aber über die Grenzen der Erfahrung und der objektiven Erkenntnis erweitern, und nur noch eigenes subjektives Urteilsvermögen Entscheidungen ermöglicht, ist es nichts anderes als die Stimme der Vernunft. Wo Urteile notwendig sind, aber Mangel an Wissen uns einschränkt, ist eine Maxime nötig, wonach wir unser Urteil fällen können.

Der praktische Gebrauch der Vernunft besteht in der Anwendung der moralischen Gesetze, basierend auf der Idee des höchsten Gutes. Es gibt ein theoretisches und ein praktisches Bedürfnis nach Vernunft. Zumindest in diesem Aufsatz führt er die Moralität und die Vernunft sehr ausführlich auf einen Gottesbegriff, bildlich auf ein Urwesen zurück, das hatte ich hier so nicht erwartet. Allerdings stimme ich mit der Grundidee überein, dass uns diese Idee der Moralität innewohnt. Um diese aber zu nutzen müssen wir aber Selbstdenken, das heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in unser eigenen Vernunft suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, entspricht dann dem Grundgedanken der Aufklärung, das bedeutet allerdings auch sich keinen anderen Gesetzen zu unterwerfen als der Vernunft.

Ich könnte mir vorstellen das das was wir manchmal Bauchgefühl nennen, damit vergleichbar ist. Allerdings ist es so, dass die Freiheit zu sprechen, zu schreiben oder zu handeln durch dritte eingeschränkt werden kann und wird, aber die Freiheit zu denken kann durch diese nicht genommen werden kann. Aber in der Realität folgen Menschen nicht immer Ihrer Vernunft, sondern manchmal anderen Menschen, die per Definition Vorbilder heißen, dazu ein weiteres Zitat aus dem Aufsatz.

(Zitat Kant) “ …..Der Gang der Dinge ist ungefähr dieser. Zuerst gefällt sich das Genie sehr in seinem kühnen Schwünge, da es den Faden, woran es sonst die Vernunft lenkte, abgestreift hat. Es bezaubert bald auch andere durch Machtsprüche und große Erwartungen, und scheint sich selbst nunmehr auf einen Thron gesetzt zu haben………“

Ich interpretiere diesen Absatz so, dass hier die Rolle des Vorbildes selbst kritisch beleuchtet wird, und die Gefahr oder die nicht ungewöhnliche Entwicklung von Menschen die sich Ihrer Vorbildrolle bewusst sind, und sich durch dieses Bewusstsein in einem Entwicklungsdynamischen Prozess befinden. So wie das auch bei einigen Führungskräften beobachtet werden kann. Nicht immer ist diese Entwicklung durch Vernunft oder Vorbildcharakter gekennzeichnet. Aus so einem Rollenverhalten verschieben sich auch Verhaltensmuster und Grenzen bis hin zum Personenkult.

Um bei der Idee der Aufklärung zu bleiben, möchte ich euch von einem vor wenigen Jahren erschienenes Buch von Heiner Geisler erzählen, quasi eine Fortsetzung des Aufklärungsgedankens, es spielt nur im 21 Jahrhundert. In dem Buch Sapere Aude (wage zu denken) wird die Frage behandelt warum wir eine neue Aufklärung brauchen. Hier geht es im Wesentlichen um die Kritik an autoritärer Politik, ökonomische Beeinflussung der Marktgläubugen und religiösen Fundamentalisten. Mit dem Hinweis, das auch eigentlich vernunftbegabte Menschen, mit kühl kalkulierender Vernunft zwei Weltkriege planten und führten und einen moralfreien Kapitalismus erdachten, ist dieses Buch ein werben um eine aufklärerische Vernunft unter ethischen und moralischen Maßstäben, und diese untrennbar miteinander verbindet.

Der Journalist Wolf Lotter kommt bei gleicher Ausgangsbeschreibung wie Kant in einem Essay des Magazins „brand-eins“ zu einem anderen Ergebnis. Interessanter weise auch einleitend mit dem geografischen praktischen Bezug wie Kant, beschreibt er, dass der Mensch nicht in der Lage sei auch nur 20 Meter exakt geradeaus zu laufen und dann einen rechts oder links Drall folgend vom Weg abkommt und man sich nicht auf sich selbst verlassen kann. Um geradeaus zu gehen bedürfe es äußerer Fixpunkte. Da seiner Meinung nach die ehemals gültigen Theorien, Glaubenssätze und Versprechen des Industriezeitalters nicht mehr gelten und Verwirrung auslösen und ein Festhalten an den alten Ideologien sogar in einen Teufelskreis immer weiter abwärts führen, bleiben alternativlos nur Menschen übrig, diese Spezialisten der Eigenart heißen dann Vorbilder. Aber er stellt auch fest, das je stärker das Selbstbewusstsein ausgeprägt ist, desto weniger braucht es Vorbilder.

Was kann ich zusammenfassen aus dieser Gedankensammlung.
Ein Ich-bezogener Nullpunkt so wie ich den großen Aufklärer verstanden habe, gut, das Glauben an ein Urwesen zu nennen wie Kant, meinetwegen, jeder nach seiner Überzeugung, oder besser nach seinem Glauben. Aber Menschen können aus dem reinen Glauben, auch eine Religion und dann eine Kirche erdenken. Die Kirche braucht dann Personal, es finden sich Menschen mit Deutungshoheitsanspruch die Vorbildcharakter einnehmen und Vorschriften erlassen. Die Ergebnisse dieses Regel- und Vorschriftenwahns sind allgegenwärtig. Es war übrigens eine Grundidee der Reformation hier zu korrigieren, um dann andere und neue Regeln und Gesellschaftsnormen zu erfinden.

Einem Ideal zu folgen kann notwendig und richtig sein , wenn man einem Menschen begegnet der diesem Ideal entspricht, darf das Ideal auch einen Namen und ein Gesicht bekommen, aber bitte nicht umgekehrt. Und gerade in einer Epoche, in der es überraschende neue Tendenzen gibt, wie das postfaktische oder die alternativen Fakten. Hier muss jeder auf sich aufpassen und schauen wessen Follower er wird und die Gefahr einem einzigen Vorbild zu folgen bedeutet immer die Gefahr der asymmetrischen oder einseitige Orientierung und oder Information.

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Verzeichnis der Inspirationsquellen

• brand eins Ausgabe September 2016

• Was ist Aufklärung ISBN 978-3-7873-1357-0 (Zitate)

• Die Zeit 05.Januar 2017