Aufklärung und Esoterik – (k)ein Widerspruch?

Liebe Brüder, ich möchte mich heute mit zwei Begriffen befassen, die häufig bei der weißen Tafel oder in Zeichnungen in Freimaurerlogen thematisiert werden. Für viele Brüder sind diese einzeln der Hauptaspekt der Freimaurerei und für viele andere stehen sie im Widerspruch zueinander. Beim ersten Begriff handelt es sich um die Aufklärung, denn wir wissen aus freimaurerischen und profanen Volksmund, dass die Freimaurerei historisch zu dem Zeitalter der Aufklärung beigetragen hat. Dies wird häufig aus der Tatsache entnommen, dass mehrere prominente Denker und Umsetzer der aufklärerischen Bewegung Mitglieder in unseren Reihen waren. Als Aufklärung wird hier eine Gedankenrevolution verstanden, die durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden versucht. Beim zweiten Begriff handelt es sich um Esoterik, denn wir wissen, dass das freimaurerische System sich stets allegorischer und symbolischer Sprache bedient, um vorerst persönliche Charakterbildung zu stärken. Ich habe soeben eher vorsichtig auf die persönliche Charakterbildung betont, denn was sich hinter den Symbolen und Allegorien versteckt, kann sich durchaus als ein esoterischer Aspekt verstehen. Hierbei sei unter dem esoterischen Aspekt schlicht ein nach Innen verstecktes Wissen verstanden, das nach Außen unzugänglich und unbekannt ist.

Nachdem diese zwei Konzepte sehr salopp definiert worden sind, könnte man ein vermeintlichen Widerspruch erkennen. Nämlich eine Strömung, die darauf zielt, mit Rationalität das gesamte Wissen auszuleuchten und eine andere, die stets im Bequemen und verborgenen Wissen nur für diejenigen, die die Kunst Recht verstehen, zugänglich machen. Versuche ich diese Strömungen sehr gemein zu personifizieren, erkennen wir die zwei typischen Sorten Brüder wieder, den einen, der stets an der weißen Tafel mit lautem Worten und Gedanken über unsere Rolle in der Gesellschaft und über politisches Engagement vor sich hin paroliert und ebenfalls den anderen, der unzählige freimaurerische Bücher und Rituale gelesen hat. Dieser ist sehr leise, bis es darum geht, über die Sinnhaftigkeit der Symbolik auf dem Maurerschurz des primitiven schottischen Ritus aus Marseille (von 1688) in Vergleich zum rektifizierten schottischen Ritus aus Lyon (von 1178) zu diskutieren. All dies unter Betrachtung dessen, dass beide sowieso irregulär sind, weil ihr Verständnis über althebräische Kabbalistik völlig willkürlich ist.

Mit weniger Humor  möchte ich aber jetzt versuchen, eine Analyse zu machen, um diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, so dass ich behaupten kann, dass diese beide Strömungen durchaus kompatibel und konsistent innerhalb des freimaurerischen Systems sind.

Als erster Anhaltspunkt der Analyse versuche ich einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den zwei Konzepten festzulegen. Da es bei dem einen darum geht, durch Vernunft und Handeln an Wissen zu gelangen und beim anderen durch Einkehr und Entschlüsselung das verborgene Wissen zu enthüllen, nehme ich jetzt „das Wissen“ als ersten Anhaltspunkt.

Von der Wikipedia wird Wissen generell definiert als ein für Personen oder Gruppen verfügbarer Bestand von Fakten, Theorien und Regeln, die sich durch den größtmöglichen Grad an Gewissheit auszeichnen, so dass von ihrer Gültigkeit bzw. Wahrheit ausgegangen wird. Anhand dieser Definition kann ein Stellenwert des Wissens für den Wissensträger angenommen werden, denn der Grad der Gewissheit und ihrer Nähe zu einem persönlichen Wahrheitsgrad werden es womöglich dazu verleiten können, dass der Wissensträger sein Wissen hochschätzt. Ferner kommt hinzu, dass Wissen im Vergleich zu anderen geschätzten Gegenstände ein immaterielles Gut ist, welche den Privileg besitzt, im Kopf des Wissensträgers komplett verborgen zu sein. Ich kann zwar das schöne Auto meines Nachbars stehlen, ich kann ihm aber nur sehr schwer Wissen im klassischen Sinne stehlen. Ich könnte zwar sein Wissen vernichten, indem ich ihm dauerhaft schade oder umbringe, aber es nur von ihm bekommen, indem er es freiwillig oder unter Bedrohung zu mir weiterleitet. Allerdings ist dieses nicht Weg, sondern bleibt trotzdem bei ihm erhalten; nur eine Kopie davon wird lediglich erzeugt und in meinem Kopf hineingespeichert, solange ich dieses Wissen richtig verstanden habe. Denn bei Wissen handelt es sich wie vorher erwähnt, um ein Konglomerat von Informationen und Sachverhalten, die eventuell nach ihren Transfer entweder gleich sind, oder sich stärk ähneln. Bei starker Abweichung handelt es sich nicht mehr über das gleiche Wissen. Gehen wir in die Thematik tiefer ein, tauchen verschiedene Fragen auf wie: woher kommt das Wissen, wie wird es übertragen, wie erweitert und wo geht es hin, wenn es verloren geht. Als Bestandteile des Wissens lässt sich die Information herleiten; die Wahrnehmung ist dann das geistige Werkzeug, welches Information verarbeitet und Wissen speichert. Als lebendigen Entitäten unterliegt unsere Wahrnehmung unseren biologischen Eigenschaften. Unsere Sinne sind die Werkzeuge welche unserer Interaktion mit der Umwelt ermöglichen, und bilden somit die erste Einschränkung dessen Wahrnehmung. Um Wissen als solchen besser zu verstehen, versuchen wir es mit einigen einfachen Beschreibungen und Erklärungsversuche. Ein Gedanke besteht aus zwei möglichen Teilen, die chemische Reaktion im Gehirn, die für diesen Gedanken steht und das tatsächliche Sinnbild dieser Reaktion in unserem Geist, welche diesem Gedanken wahrmacht. Insofern wenn ich einen Gedanken transferieren möchte, muss ich es bei meinem Gegenüber versuchen, dass sein Gehirn die gleiche chemische Reaktion triggert, damit das gleiche Sinnbild in seinem Geiste wahr wird. Alles in allem geht es bei Gedanken, um die Wahrnehmung von Sachen innerhalb unserer Existenzerfahrung. Da alle Menschen sehr große Ähnlichkeit aufweisen, aber nicht identisch sind, und vor allem sich in verschiedenen geistigen Zustände befinden können, verursachen die Vermittlungsversuche einer solchen Erfahrung nicht immer den erwünschten Effekt.

An diesem Punkt möchte ich gerne die verschiedenen Werkzeuge unter die Lupe nehmen, die für ein Wahrnehmungserlebnis beitragen können und wie diese ihren Zweck sowohl in der Esoterik als auch in dem Begriff der Aufklärung wiederfinden.

Unsere pro- und reaktiven Fähigkeiten mit unserer Umwelt zu interagieren basieren auf Kodierung von Nachrichten innerhalb eines physikalischen Vehikels. Bevor ich auf die typischen abstrakten Vehikel hineingehe, wie das klassische Beispiel von der natürlichen Sprache, möchte ich auf die komplexeren Mechanismen der Wahrnehmung eingehen und vor allem an dem Begriff „physikalisches Vehikel“ genauer anknüpfen. Wir meinen ständig irgendwas sehen, hören oder spüren zu können, aber die physikalischen Eigenschaften dieser Sensorik basieren auf den physikalischen Phänomenen, denen sie gehorchen. Beim Sehen wird auf Photonen und ihre Interaktion mit der Umgebung, beim hören auf Schallwellen und beim Spüren auf die elektromagnetische Interaktion von Partikeln geachtet. Und das ist nur eine kleine Menge am großen Konglomerat von sensorischen Fähigkeiten eines Menschen. Wie man aber Gedanken und Emotionen kodiert, kann auf verschiedenen Wegen geschehen. Weiterhin kann auch die Form in der die Emotion kodiert wird unter Umständen die Einfachheit ihrer Wahrnehmung  bei Benutzung alternativer Kodierungen bedingen. Einfacher erklärt, die Liebe der Eltern zu einem Kind ist viel einfach durch die Medien der Liebe zu verstehen als durch eine rationale Beschreibung des gleichen Phänomens. In diesem Fall ist für ein Kleinkind eine liebevolle Umarmung (elektromagnetische Reaktion) deutlich effektiver als eine Vorlesung über den altgriechischen Begriff des Agape, nämlich die höchste und bedingungslose Form der Liebe. Im letzteren Fall werden mindestens drei Abstraktionen der Kodierung gebraucht (Schallwellen, natürliche Sprache + Verstand). Es ist auch möglich, dass der Adressat nicht auf das gleiche Erlebnis kommen wird, wie mit der liebevollen Umarmung. Insofern gibt es verschiedenen Formen wie Sprachen, Zeichen, Kunst, Symbolen, Musik u.a. Emotionen, Ideen und Gedanken zu übertragen.

Nach diesem kleinen Exkurs über die Kodierungen und ihren Abstraktionen möchte ich jetzt zurück auf das Thema zurückkommen: Was ist Wissen und wie gelangt man an Wissen. Konkret geht es mir jetzt um das Gefühl der Erkenntnis diesen sogenannten „Heureka“-Moment. Über diese distinktive Momente gibt es in der Philosophie Streitigkeit, ob diese gezeugt oder entdeckt werden. Bewusst habe ich hier das Wort erfinden vermieden, denn obwohl sie semantisch und per Assoziation „zeugen, schöpfen oder kreieren“ meint, bedeutet sie etymologisch das gleiche wie entdecken (Einschub Semantik freestyle). Also im Prinzip gemeint hier ist der Streit, ob Wahrheiten, Regeln und Wissen bereits existieren und gefunden werden oder beim Moment der Erkenntnis erzeugt werden. Für diese Analyse ist dieser Streit nicht besonders wichtig, denn den werde ich jetzt nicht auflösen können, sondern ist die Wichtigkeit des Momentes der Erkenntnis für den Wahrnehmenden der Kernpunkt. Im Bezug auf Semantik. Hier ist das Wort Wahrnehmung auch ein konstruktives Meisterwerk, denn es erklärt relativ gut, was der Wahrnehmende glaubt gefunden oder gezeugt zu haben, nämlich die Wahrheit als Ganzes oder ein Stück davon. Einen Schritt näher gekommen zu sein, das Mysterium zu lösen. Diese Erkenntnis kann sowohl sein, dass ein erleuchteter Meister durch Emotionen die wahre Bedeutung des Agape meint entdeckt zu haben oder der Erleuchtungsmoment, wo Sir Isaac Newton die Gravitation meint verstanden zu haben.

Hier kommt die angebliche Unvereinbarkeit zwischen der durch Vernunft charakterisierten Aufklärung  und der durch Emotionen und Offenbarung charakterisierten Esoterik. Hier bezeichnet Vernunft in seiner modernen Verwendung die Fähigkeit des menschlichen Denkens, aus den im Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfassten Sachverhalten universelle Zusammenhänge der Wirklichkeit durch Schlussfolgerung herzustellen, deren Bedeutung zu erkennen, Regeln und Prinzipien aufzustellen und danach zu handeln. Im Gegenteil würde hier die Wahrnehmung durch Emotionen ein komplett anderes Werkzeug bedeuten, um an Erkenntnis zu kommen. Insofern geht es hier um eine Streitigkeit der Werkzeuge, was wiederum sehr menschlich ist und wir aus dem Alltag kennen: Mac vs Windows, iPhone vs Samsung, Karate vs Tae Kwon Do und andere.

Allerdings zu meinen, diese beiden können nur unabhängig voneinander existieren, ist meiner Meinung nach ein Trugschluss. Es gibt nämlich Pros und Kontras in den jeweiligen Methodiken. Dies möchte ich jetzt erläutern und zwar wieder aus der Sicht der geeigneten Kodierung für die Wissensübertragung. Nehmen wir an, heute explodiert ein Atomkrieg und die Zivilisation, wie wir sie kennen, wird ausgelöscht mit Ausnahme von ein paar Überlebenden. Wäre es meine Aufgabe, den neuen Generation die Riesenmenge an bestehenden Wissen zu erklären, hätte ich mächtige Probleme. Ich weiß zwar das e=mc² die Formel für die Relativitätstheorie ist, aber ich bin kein Physiker. Ich kann den Jungen erklären, sie sei wichtig und mächtig, aber durch Semantikverlust in der unklaren Übertragung meiner Information ist es durchaus möglich, dass 3 Generationen später die Menschheit den Gott Egleichemzekurat Geber der zerstörerischen Kraft ehrt. Deshalb war es historisch betrachtet schon immer ein Ding, Wissen unter bestimmten Bedingungen weiterzugeben, denn, ob aus meiner Relativitätstheorie den Gott Ehemzekurat entsteht, hängt nämlich vom Empfänger meines Wissens ab. Deshalb gab es bereits in der Antike die Esoterik und die Arkandisziplin. Die beiden hatten die Aufgaben zuerst Wissen zu verschleiern und es so zu verschlüsseln, dass nur die Geeigneten es wieder entdecken können.

Die Arkandisziplin existiert seit damals ununterbrochen in der Menschheit. Noch heute ist es einigen Menschen bestimmt, an manches Wissen oder Können heranzukommen und anderen nicht. Ob dies gut oder schlecht ist, sei ein anderes Thema.

(jetzt aber wieder zum Kampf der Begriffe)

Der starke Kampf der Aufklärung in seiner distinktiven Epoche hat viel mit dem Fortschritt der Menschheit in ihrer systematischen Eigenart zu tun. Das Ende der Antike war eine Zeit des Verlusts vielerlei Wissens durch die barbarischen Invasionen, aus dessen Folgen entstand eine systematische Umstrukturierung Namens Mittelalter, wo die Kirchen die vereinigten Faktoren und die Richtungsgeber der Völker waren. Das Wissensmonopol oder die Arkandisziplin wurde dann nur an die Mitglieder dieser Kaste weitergegeben. Ohne jetzt auf die Machtstrukturen des damaligen Systems einzugehen, versuche ich mich jetzt in die Lage des Zeitalters zu versetzen und stelle mir vor, ich sei ein Gelehrter oder Geistlicher der Epoche. Hier wäre mein Handel durchaus durch die Restriktionen der Zeit eingeschränkt. Denn die Ressourcen sind sehr knapp, da man nicht weiss, wie man effizienter produziert, so dass wenige Menschen Zeit haben, um sich mit den komplexeren Fragen der Existenz zu beschäftigen. Stattdessen muss sich ein Großteil der Menschen mit  dem Beschaffen von Ressourcen beschäftigen. Mir bliebe insofern nichts anderes übrig, als zu versuchen, diesen Ressourcen erschaffenden Menschen ein einfaches Gerüst zu geben, das in einfacher Form versucht, das von meiner komplexeren Denkart Erkannte  zu vermitteln (Geschichten, Symbolen, Metaphern), denn das bis jetzt Erkannte ist zur Zeit das Beste, was es anzubieten gibt. Wir lachen heute eventuell mit einem Hauch an Arroganz darüber, aber wir sind auch heute nicht ganz anders als Gesellschaft, denn die Relativitätstheorie habe ich als nicht-Physiker eher vereinfacht verinnerlicht und zwar mit Beispielen von Autos und Zügen, die genau so schnell wie das Licht fahren und im Zug ein Ball nach vorne geworfen wird. Mit dem kryptischen Formeln, die sie genau darstellen, kann ich traurigerweise nichts anfangen (mea culpa). Im Mittelalter die Arkankreise der verschiedenen Religionen waren weiterhin stets mit der Aufgabe beschäftigt, die Wahrheit durch Offenbarung besser zu verstehen. Der späte Punkt der Diskrepanz mit der Aufklärung ist tatsächlich das bevorzugte Werkzeug der Wahrheitssuche, denn im Mittelalter waren die Geistlichen stets damit beschäftigt, durch religiös-spirituelle Werkzeuge das Göttliche zu erkennen. Dies heißt nicht unbedingt, dass die Vernunft nicht benutzt worden sei, denn die verschiedenen kirchlichen Konklaven und Diskussionen über die Doktrin wurden tatsächlich durch Konkordat und Diskussion festgesetzt, aber die Ausgangspunkte waren eben die Erkenntnisse, die vermeintlich durch das spirituelle Werkzeug erlangt worden seien. Das Mittelalter nimmt auch ein Ende nur aus einer spät historischen Perspektive, denn man hat damals nicht gesagt „ok jetzt ist Schluss“, sondern das Mittelalter oder die menschlichen Charakteristiken derzeit wurden im Nachhinein betrachtet obsolet. Obwohl es im Volksmund häufig gesagt wird, das finstere Mittelalter kennzeichnet sich durch den Mangel an wissenschaftlichen Fortschritt, gab es tatsachlich wissenschaftlichen Fortschritt, dieser war nur sehr langsam und wie immer leider durch den Fortschritt in der Kriegskunst charakterisiert, die immer dazu verlangte, allgemeinen Fortschritt zu optimieren, um Macht über andere Gruppen auszuüben. Insofern überwindet das System sich selbst, indem es allgemein bessere Ressourcenbeschaffungsmethodiken erreicht. Dies führt dazu, dass damals auch andere Menschen, die nicht dieser bestimmten Kaste angehörten, an dem Prozess der komplexeren Wahrheitssuche teilnehmen konnten. Abseits der offensichtlichen politischen Kämpfe, die dies verursachten, wandelt sich das Denken aufgrund der existierenden wissenschaftlichen Erkenntnis und erhöht sein Entdeckungspotential. Die Zeit der Aufklärung ist ein gesellschaftlicher Manifest neuer Teilnehmer an der Wahrheitssuche durch eine stärkere Einsetzung des Werkzeugs der Rationalität. Unumstritten war die Aufklärung nie. Dass die Vernunft zu weit gehen, sich überschätzen, selbst dogmatisch werden kann – dieser Verdacht begleitete die Aufklärung von ihrem Anbeginn an. Das aber ein neues Werkzeug wiederentdeckt worden sei, muss deshalb nicht unbedingt heißen, dass es automatisch alle möglichen alten Werkzeugen widerlegt.

Wir kennen aus der profanen Geschichte, dass die Freimaurerei und die Aufklärung stets Hand in Hand gingen. So sehr, dass, wenn man in der Wikipedia den Begriff Aufklärung nachschlägt, in einem Unterteil des Artikels über die Freimaurerei berichtet wird. Diese Tatsache erfüllt mehrere Brüder mit Stolz und viele möchten daraus das Flaggschiff der Freimaurerei machen, allerdings zu dieser Behauptung gäbe es genau in dieser Epoche einen vermeintlichen Widerspruch, denn es ist gerade in der Zeit des 18. Jahrhunderts wo die freimaurerischen Rituale sich mit jederlei Esoterik befüllen. Jenes Jahrhundert ist die Zeit der Sedimentierung der Hochgrade, die sich zwischen Alchemie, Kabbalistik und christlicher Gnostik bewegen und wo Symbolik und Allegorie die Hauptrollen übernehmen. Selbst der Begriff der Aufklärung ist untrennbar an die Metapher des Lichts und damit des Sehens gebunden, es geht um die Herstellung von Verhältnissen, in der alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täuschung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird.

Das alles scheint widersprüchlich zu sein, denn nach außen leuchtet sie, aber nach innen wird sie okkult und Arkan. Gut, das ist ja alles historischer Bericht aus verschiedenen Quellen. Viele von diesen Quellen kommen nicht aus der Loge, sondern von profanen Historikern. Die Verschlossenheit und Geheimhaltung der freimaurerischen Logen könnten deshalb die Esoterik für den uneingeweihten Berichtenden ausblenden, da er die freimaurerische Erfahrung nicht kennt. Insofern können sie nur erahnen, was in der Freimaurerloge passierte. Das klingt vorerst ein bisschen enttäuschend für diese Analyse, aber ich habe ein wenig Glück im Unglück, denn ich habe dass Glück, dass ich während ich spreche, ich mich in in einer dieser besagten Logen versammelt befinde und ich könnte vielleicht dadurch die vermeintliche Diskrepanz auslüften. Während ich spreche, betreibe ich Aufklärung, indem ich meine Gedanken vor Euch frei ausspreche. Diese Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen, solange der Rahmen und der Kontext es dazu möglich machen. Ich benutze hierfür die Werkzeuge der Sprache und der Vernunft. Aber das ist nicht von alleine passiert. Am Anfang meiner Zeichnung habe ich von geistigen Zuständen gesprochen. Aufklärung zu betreiben braucht einen richtigen Rahmen, einen Kontext, ein Raum, ein geistiger Zustand. Vor mir liegt ein Teppich mit verschiedenen Symbolen. Damit diese Loge die Arbeiten beginnen durfte, musste eine Ritualhandlung geschehen, die eine metaphorische Kodierung in sich trägt. Diese ist so alt, dass wir nicht genau wissen, woher sie kommt. Diese aber hilft mir durch das Emotionale, Metaphorische, Verborgene, in mich hinein zu gehen und auf sehr subtile Art, wie die Liebe einer Mutter sehr tief in mich hinein zugehen, bis ich für eine kleine Sekunde den Anhauch der Ewigkeit spüren kann, diesen Ort im Geiste, wo Sachen wahr werden und Existenz passiert. In diesem geistigen Zustand und zusammen mit Menschen, die sich in einem ähnlichen Zustand befinden entsteht ein geeigneter Ort wo Vernunft agieren kann. Wo Postulate diskutiert, kritisiert, widerlegt oder ergänzt werden können. Wo ich anhand meiner Brüder und deren Erkenntnisse und das Weitergegebene derjenigen, die vor uns hier waren mein selbst und meiner Existenz weiterhin ergänzen kann. Denn die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschlichkeit dieser Erfahrung namens Loge werden diesen Prozess tragen.

Meine Brüder, Freimaurerei ist nicht nur eine Sache und wie alles Wichtige und Komplexe im Leben nicht einfach zu erklären. Weiterhin gibt es kein Flaggschiff der Freimaurerei und, wie eben vorher erklärt, alles kann widersprüchlich klingen, sobald man nur oberflächlich daran kratz. Deshalb möchte ich diese Zeichnung mit einer aufklärerischen Botschaft der verborgenen Art beenden: Meine Brüder, dieser Teppich stellt sinnbildlich den Bauplan unseres Lebens dar, wer diese Werkzeuge sich aneignet und die Kunst recht versteht, dem offenbart sich das Geheimnis der königlichen Kunst.

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